Fröhliche Coronachten

Wir schreiben den 24.12.2020 und feiern Weihnachten in einem …. nun, nennen wir es „schwierigen“ Jahr. Wer mich kennt weiß, dass ich der absolute Weihnachtsfan bin. Je kitschiger, desto gemütlicher ❤ Aber ganz ehrlich: nicht zuvor habe ich ein ruhiges, besinnliches und einfach nur schönes Weihnachtsfest gebraucht, wie in diesem Jahr. Vieles ist gut für mich gelaufen. Der Buchvertrag mit meinem favorisiertem Verlag, kommt mir da in den Sinn. Aber genauso viel war einfach nur Mist. Einen sehr lieben Menschen auf seinen letzten Weg zu begleiten, zum Beispiel. Operationen und andere blöde Dinge. Ja, Weihnachten kommt genau zur richtigen Zeit.

Und für alle, die auch mal wieder ein wenig Schmunzeln möchten, habe ich diese Geschichte im Angebot. Sie ist im Rahmen einer Textwichtelaktion im Forum der #Schreibnacht entstanden und ich dachte mir, dass ich sie euch auch vielleicht gefallen könnte.

Frohe Weihnachten und bleibt gesund! ❤

Eure Sandra

Fröhliche Coronachten

Von Sandra Schipper

Ah, Weihnachten!

Die schönste Zeit des Jahres. Voller glänzender Lichter in den Fenstern und leuchtenden Augen in den Gesichtern der Kinder. Es ist schwer, sich dieser Zeit der Gemeinsamkeit und Nächstenliebe zu entziehen.

Nach einem Jahr voller Entbehrungen, ist dein Anspruch an das diesjährige Fest absolute Perfektion!

Alles beginnt mit dem Weihnachtsbaum. Auf der Suche nach der perfekten Tanne fährst du eine Woche lang jeden Tag die Baumärkte im Umkreis ab, um das schönste Exemplar zu besorgen. Immer wieder fährst du zurück, da du deinen Mund-Nasen-Schutz vergessen hast. 

Und denk dran: Du hältst Ausschau nach einem Baum, der so groß ist, dass er genau ins Wohnzimmer passt, aber an der Spitze genügend Raum für den hässlichen Engel lässt, der sich seit fünf Generationen in der Familie deines Ehemannes befindet.

Zurück zu den Tannen: Alle sind krumm und schief. Was du aber suchst, ist eine chinesische Plastiktanne. Nur aus der Umgebung, versteht sich. Mit echten Nadeln. Natürlich gerade gewachsen und frisch gefällt. Die Bioqualität muss hier nicht extra erwähnt werden, das ist obligatorisch. Wer kauft schon einen Weihnachtsbaum ohne Biosiegel? 

Ein Monster macht das, niemand sonst!

Mit einer extragroßen Packung Ersatzmasken im Gepäck, stürzt du dich wieder ins Getümmel. Die Geschenke kaufen sich nicht von allein und im Radio hast du auf dem Weg hierher von einem weiteren Lockdown gehört. Auf dem Parkplatz sieht es so aus, als wärst du nicht die Einzige, die den Nachrichtensender angestellt hatte. 

Du reihst dich ein in eine lange Schlange voller qualmender Blechkarossen. Im Inneren des Fahrzeugs wird dir schummerig, denn die stinkenden Abgase des Euro 4 Diesels vor deinem Wagen, strömen ungefiltert durch die Klimaanlage in den Fahrgastraum. Mit letzter Kraft drückst du den Knopf auf Umluft und schaffst es so eben, das Fenster hinunter fahren, sodass ein Hauch von Sauerstoff um die Nase weht. Tief atmest du ein und genießt das Gefühl, wenn sich die Atemluft in den Lungenflügeln ausbreitet. Aber nur kurz, denn sofort wirft dir ein Passant einen tadelnden Blick zu und schüttelt langsam den Kopf. Ertappt zuckst du zusammen. Du trägst deine Maske nicht und hast das Fenster offen. Eilig kurbelst du die Seitenscheibe wieder nach oben. Und hebst entschuldigend die Hand. Der Mann verdreht die Augen und zieht an seiner Zigarette.

 Für einen Moment schließt du die Lider, um zu entspannen, doch die Hupe des Fahrzeugs hinter dir lässt dich aufschrecken. Hastig drückst du aufs Gaspedal und würgst damit den Motor ab, denn du hast vergessen, die Gangschaltung zurück auf eins zu stellen. Das Hupkonzert wird lauter und fordernder. Mit hochrotem Kopf drehst du den Zündschlüssel im Schloss hin und her. Dein Auto stottert und würgt, sodass du denkst, es würde sich jeden Augenblick übergeben. Mit zwei känguruartigen Sprüngen nach vorne, startet der Motor und schüttelt dich heftig durch, um dir zu zeigen, was er von deinen stümperhaften Zündstartversuchen hält.

Ohne einen Blick in den Rückspiegel zu werfen, setzt du die Parkplatzsuche fort. Von Weitem erspähst du das letzte freie Stückchen Parkplatz. Ordnungsgemäß stellst du den Blinker und beschließt, deinen kleinen Flitzer rückwärts in die Lücke hinein zu bugsieren, da drängt sich ein großer, schwarzer Panzer vorbei und schnappt dir den Stellplatz weg.

Kleinlaut drehst du eine weitere Runde, bis du endlich eine Parkbox findest. Mit dem Hinterrad stehst du halb auf dem Rasenstreifen, weil irgendjemand seinen EDEKA-Einkaufswagen zwischen zwei Parklücken abgestellt hat.

Doch davon lässt du dir nicht die Laune verderben. Du hast weiterhin dein Ziel klar vor Augen: das schönste Weihnachtsfest aller Zeiten zu organisieren!

Die FFP2-Maske hast du fest aufs Gesicht gepresst. Den Metallbügel dabei so stark auf den Nasenflügel gedrückt, dass dir die Tränen bei jedem Atemzug in die Augen steigen. Du schiebst dich durch die übervolle Fußgängerzone. All, überall stehen, laufen und hetzen aufgebrachte Weihnachtsshopper gegen den drohenden Lockdown an. 

Für Schwiegermutter Erna hast du ein sündhafteres Parfum auf der Wunschliste, wohlweislich, dass sie dir nichts als passiv-aggressive Ratschläge schenken wird.

Schon beim Betreten der Parfümerie sprüht dir eine übermotivierte Mitarbeiterin zwei »wirklich freche« Düfte links und rechts auf die Innenseite deiner Arme und fordert dich auf, an beiden zu schnuppern. Durch die Maske riechst du nichts, außer die Chemikalien, die in der chinesischen Fabrik zur Herstellung der unterschiedlichen Lagen verwendet wurden. Kurz ziehst du dir die Maske runter, um höflich an den parfümierten Hautstellen zu schnüffeln. Die Augen der Verkäuferin weiten sich vor Schock und der unterbezahlte Angestellte einer Sicherheitsfirma, bittet dich in Hinblick auf die Hygieneregeln darum, den Laden auf der Stelle zu verlassen.

Du murmelst eine Entschuldigung und unter den argwöhnischen Blicken des Securityfachmanns, quetschst du dich an den Leuten vorbei, die stehengeblieben sind, um das Schauspiel zu beobachten, ins Freie. 

Kurz siehst du dich links und rechts um, um die Orientierung wiederzufinden, doch ein Vertreter des Ordnungsamtes ermahnt, nicht ziellos stehenzubleiben, sondern weiterzuziehen. Du nickst und treibst mit der Menge durch die Fußgängerzone. Am Ende hast du alle Geschenke bei Rossmann gekauft. Es gab nur Haarshampoo und Toilettenpapier. Ungünstige Auswahl, aber du lässt dir nicht die Laune verderben, im Hinblick auf das beste Weihnachten aller Zeiten!

Zuhause erfährst du, dass es neue Besucherregeln gibt. Nur fünf Menschen, drei Hunde und eine Katze (oder wahlweise vier Kinder unter 14 Jahren) aus zwei Haushalten dürfen sich zeitgleich in einem Raum befinden. Den desinteressierten Teenager, der am Heiligabend 15 wird, freut es. Zum ersten Mal darf er ohne Ausrede der Verwandtschaft entkommen.

Mit deinem Mann spielst du Schnick, Schnack, Schnuck, um herauszufinden, wessen Familie du über die Feiertage ertrag…, also, einladen darfst. Das Los hat entschieden: Die Schwiegereltern müssen leider draußen bleiben.

Der Mann schmollt und drückt dir den Telefonhörer in die Hand, damit du ihnen die Botschaft überbringst. Erna schluchzt, dass ihr einziger Sohn sie verstoßen hätte, dein Schwiegervater brüllt etwas von »Testament« und »Enterben«. So genau kannst du die Worte nicht verstehen, denn der Kater hat sich dazu entschlossen, den frisch geschmückten, perfekten Bio-Weihnachtsbaum umzuwerfen.

Der Familienhund kläfft, das Kleinkind schreit, der Mann schmollt. Mit einem Ohr am Telefon hörst du die Schwiegermutter heulen, wie eine Feuerwehrsirene beim NINA Probealarm. Ob sie nicht doch kommen könnten, schließlich könnte es ihr letztes Weihnachtsfest auf Erden sein, wimmert sie mit vorwurfsvollem Tonfall.

»Ja, ja,« antwortest du schnell und legst auf. Das Kleinkind spielt mit den gesplitterten Glaskugeln und freut sich, dass es glitzert. Es weint bitterlich, als du es davon abbringen möchtest. Der Hund, alarmiert vom Kindergeschrei, beißt dir in die Waden und dein Mann schmollt.

Mit schmerzverzerrtem Gesicht schüttelst du den aggressiven Kläffer von deinem Bein ab und triffst dabei versehentlich die Katze, die laut nach PETA schreiend die Flucht ergreift.

Du deckst auf der Terrasse den schon längst eingemotteten Gartentisch, denn neben den Eltern und Schwiegereltern, hat sich dein Bruder Roman angekündigt. Er bringt seine Frau Ruth und die Drillinge Justus, Peter und Bob mit. Darüber hinaus hat Richard verkündet, dass Onkel Alfred ebenfalls dabei sein wird. 

Er war kurz mit der Nachbarin der Schwester deines Schwiegervaters liiert, bevor sie verstarb, doch – hey – Familie ist Familie, haben sie dir gesagt und du nickst zustimmend.

Der Platz draußen wird ebenfalls schon eng, da überlegst du, ob nicht zwei oder drei Personen in der Gartenlaube unterbringen könntest. Die Schwiegereltern und Onkel Alfred, zum Beispiel.

Der Mann schmollt.

Der Tag der Tage ist da. Wir schreiben den 24. Dezember. Heiligabend. Nach und nach treffen deine Gäste ein. Du hast den Baum mit Seilen an der Wand fixiert und jede Kugel an die Äste getackert, damit die Katze nicht wieder das festliche Ambiente zerstören kann.

Erna und Richard finden die Idee, dass ein Teil der Gäste auf der Terrasse und in der Gartenlaube sitzen, nicht korrekt. Im Gegenteil, die Schwiegermutter hat jetzt Telegram auf ihrem Telefon und in der Gruppe ihrer Freundin ganz und gar augenöffnendes Material von einem Koch gesichtet, dass die Regierung allen verschweigt. 

Alfred reißt sich heroisch die Mund-Nase-Maske vom Gesicht und bedeutet den anderen an, es ihm gleich zu tun.

Endlich! Du hast es geschafft, die drei in die Gartenlaube auszuquartieren. Jetzt kommt das Essen auf den Tisch. Den ganzen Morgen hast du in der Küche gestanden und gekocht. Jetzt bittest du deinen Ehegatten, dir zu helfen. Der Mann schmollt, denn seine Eltern sind draußen.

Im Haus sitzt der Bruder mit seiner Familie am Holztisch. Du stellst die Gans auf den Tisch und erfährst prompt: »Marion und ich sind jetzt Paleo-Veganer!« Um seine Aussage zu unterstreichen, holt er ein seinen Laptop hervor und startet eine PowerPoint-Präsentation, über die Auswirkungen der Massentierhaltung für die Umwelt. Die Bilder über einen Schlachtbetrieb in Südpolen haben zur Folge, dass niemand mehr deine Gans will. Das Kleinkind weint, als es erfährt, dass der Vogel auf dem Teller drei Tage zuvor auf dem Bauernhof umherflatterte. Der Teenager spielt mit dem Smartphone und du bringst schnell das knusprig gebratene Vogelvieh nach draußen und stellst es deinen Eltern auf den Tisch. Mutter erkennt sofort, dass die Gans zu lang im Bratofen war, aber sie nimmt es dir nicht übel. Du kannst ja nicht in allem gut sein. 

Oder überhaupt in irgendwas.

Du entschuldigst dich für die miserable Kochqualität und gehst zurück ins Haus. Deine Schwiegereltern und Onkel Alfred haben sich an dir vorbeigeschlichen und tanzen Polonäse durch das Wohnzimmer. Erna trinkt den teuren 2011er Barolo direkt aus der Flasche und reicht ihn jubelnd weiter an Richard. »Sie haben den Weinvorrat gefunden,« stellst du fest und seufzt. Roman und Ruth beschweren sich lautstark, dass Wein für ihre umweltbewusste, paleo-vegane Lebensweise nicht geeignet sei und verlangen nach Alternativen. 

Kubanischen Rum mit Fairtrade-Gütesiegel, zum Beispiel.

Du hörst nur mit einem Ohr hin, denn Onkel Alfred ist dabei, die Hose auszuziehen. »Alles ist viel zu unbequem,« lässt er kurz vorher verlauten.

Mit einer Hand greifst du nach der Weinflasche, mit der anderen hältst du den Gürtel seiner Hose fest, um Schlimmeres zu verhindern. Der Mann schmollt nur.

Da klingelt es an der Tür. Zwei Polizisten erklären dir grimmig, dass deine Nachbarn angerufen hätten, weil hier eine illegale Party stattfände.

Erna schmeißt sich laut »Diktatur« und »Corona-Regime« brüllend auf den Boden. In ihrer Telegram-Gruppe hat sie zivilen Ungehorsam vom ehemaligen Koch gelernt und lässt sich im Schneidersitz nach draußen tragen.

Onkel Alfred zeigt den Beamten seinen blanken Hintern, während Ruth versucht, Justus, Peter und Bob die Augen zuzuhalten. Die Polizisten rufen ein Einsatzkommando der GSG 9 zu Hilfe, das prompt das Wohnzimmerfenster einschlägt und den Baum fällt. Die Katze rennt schreiend davon, der Hund beißt sich in der Kevlarweste des Kommandeurs fest.

Der Teenager spielt ungerührt auf seinem Smartphone weiter, der Mann verschränkt die Arme vor der Brust und schmollt.

Die Mutter schlägt die Hände über den Kopf zusammen. So etwas hat sie in ihren 76 Jahren auf diesem Planeten nicht erlebt. Dein Vater lacht und filmt das Szenario mit der Handykamera. Das Kleinkind weint.

Im Tumult bekommst du die Flasche Barolo zu schnappen und schließt dich auf der Toilette ein.

Durch die geschlossene Tür hörst du kriegsartiges Geschrei. Du greifst nach Ohropax und drückst sie tief in den Gehörgang. Langsam wird es leiser. Du nimmst einen kräftigen Schluck Wein und fühlst, wie er deine Kehle hinunterrinnt und du dich entspannst..

Ah, Weihnachten!

ENDE

(UNBEZAHLTE WERBUNG, DA MARKENNENNUNG!)

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